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Kumehnen und Rauschen 1939-44

 

1. September 1939

Der zweite Weltkrieg bricht aus

Die Erwachsenen waren ganz aufgeregt Krieg sollte angefangen haben. Für uns Kinder war das fast eine Katastrophe. Denn unser Opel Olympia stand aufgebockt in der ganz alten Scheune neben dem Spritzenhaus. Vater musste die Räder für die Wehrmacht abliefern. Aber er tröstete Renate und mich mit dem Hinweis: „Wenn der Krieg vorbei ist, dann kaufen wir wieder Räder und fahren nach Rauschen oder zur Oma nach Regehnen oder wo ihr hinwollt". Schade, das hat nicht geklappt.

 

3. Mai 1942

Der Klapperstorch soll Berthold gebracht haben?

Das war mir äußerst verdächtig, was die Erwachsenen uns Kindern da erzählten: Frau Müller sollte ein Kind bekommen, und das sollte der Adebar, der Klapperstorch, bringen. Klar, es war Mai geworden. Mit den Störchen könnte das schon stimmen.

Dennoch gab es für mich eine große Ungereimtheit. Unsere liebe Frau Müller, die immer unsere Kühe gemolken hat, konnte das in den letzten Tagen nicht mehr tun. Das war sehr verdächtig, aber auch wiederum verständlich. Sie hatte einen richtig dicken Bauch bekommen. Der hat sie gewiss beim Melken gestört. Für mich war nicht klar, ob Frau Müller so dick geworden war, weil sie so viel gegessen hatte. Na ja, ich konnte das Problem nicht lösen.

Nun also war für mich sehr wichtig zu ermitteln, wie denn der Klapperstorch das Baby bringen sollte. Meine Frage an Mama und Papa wurde sehr sachlich und emotionslos beantwortet "Der Klapperstorch holt die Babies aus Pucksens Teich. Er fliegt dann auf den Schornstein von Müllers Wohnung und lässt den Berthold dann durch den Schornstein fallen." So also sollte das sein! Aus Pucksens Teich sollte das Baby gefischt werden. Ich war schon oft dort vorbeigekommen, hatte aber noch nie ein Baby im Teich paddeln gesehen. Nur die großen Jungs, die schwimmen konnten, vergnügten sich dort. Außerdem musste es doch furchtbar wehtun, wenn der Klapperstorch ein so kleines Wesen mit seinem langen roten Schnabel packte. Für mich wurde die ganze Angelegenheit immer verdächtiger. In all den Aussagen der Erwachsenen musste der Wurm drin sein.

Was tun? Es musste eine Möglichkeit geben, die Wahrheit für einen bald Siebenjährigen zu entdecken. Denn ich hatte in 17 Tagen Geburtstag. Und ich hatte eine Idee, die ich aber nicht der Mama und dem Papa offenbarte. Die hätten mir das doch bloß wieder ausgeredet, ohne mich zu überzeugen.

Ich glaube, es war kurz vor dem Mittagessen. Da durfte ich mit den Eltern und meiner Schwester Renate zu Müllers, um den kleinen Berthold zu begucken. Der war wirklich ganz niedlich und so klein. Und geschrieen hat er auch. Das konnte ich schon verstehen, weil er durch den Schornstein gefallen war. Aber er hatte gar keine Schramme und war ganz sauber - trotz des schwarzen Schornsteins. Da konnte ich meine "geheime" Idee zur Entlarvung des Erwachsenenschwindels bezüglich des Adebars anwenden. "Wo ist das Wasser, in dem ihr den Berthold gewaschen habt?" schoss ich meine gezielte Fangfrage heraus. Großes Erstaunen machte sich in der Runde breit. "Warum willst du das denn sehen?" fragte der Papa. "Lothar, wir haben das Wasser schon weggeschüttet," sagte Frau Müller. "Schade, Frau Müller, welche Farbe hatte das schmutzige Wasser, in dem ihr den Berthold sauber gewaschen habt," bohrte ich weiter. Frau Müller antwortete wahrheitsgemäß: "Das war nicht schmutzig. Du siehst ja, dass der kleine Berthold ganz sauber ist, und so hat ihn der Klapperstorch auch gebracht. Da konnte das Wasser gar nicht schmutzig werden."

Damit war die Sache völlig klar: Wenn der Berthold vom Klapperstorch gebracht worden und durch den Schornstein gefallen wäre, hätte er Schrammen am Körper gehabt und das Waschwasser wäre schmutzig, wenn nicht sogar schwarz gewesen. Nichts davon stimmte. Und ich hatte seit der Zeit, wo das Baby geboren werden sollte, mit größter Aufmerksamkeit die Tür von Müllers Wohnung von unserer Werkstatt aus beobachtet Nur dort konnte der Klapperstorch den Berthold "reinschmuggeln". Aber nichts dergleichen war geschehen. Für mich war die Sache mit dem Klapperstorch erledigt.

In den Folgejahren habe ich nichts unversucht gelassen, um die Alternative zum Märchen vom Klapperstorch, der die Kinder bringt, aufzudecken. Die Sache mit Frau Müllers dickem Bauch konnte durchaus der Schlüssel zu dem Geheimnis sein.

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20. April 1943

Kerzen für den Führer

"Dürfen wir morgen Abend Kerzen in die Fenster stellen, Mama?" Das war meine Frage am Montag, dem 19. April 1943, an meine Mutter. Diese verwies mich an meinen Vater. Und der sagte ganz einfach: "Nein! Du weißt doch, Lothar, das haben wir noch nie gemacht Im April gibt es keinen Advent und auch kein Weihnachten. Sieh mal, am Freitag ist Karfreitag, und am Sonntag und Montag feiern wir Ostern." "Aber alle Kinder in der Schule freuen sich so, morgen, wenn es dunkel ist, Kerzen in die Fenster zu stellen. Unser Führer hat doch Geburtstag. Auch Siegfried darf das," versuchte ich Papa zu überzeugen. Rena - so hieß Renate einfach seit Babytagen - stimmte zu, denn sie war stolz, dass auch sie bald in die Schule gehen durfte.

Schließlich gab mein Vater nach: "Wir stellen aber nur im Schlafzimmer Kerzen auf die Fensterbretter. Das genügt für den Führer." Ich hatte also meinen Wunsch erfüllt bekommen. Morgen konnte ich in der Schule mitreden.

Rena und ich konnten es gar nicht abwarten, bis es am Donnerstag dunkel wurde. Mama hatte die Kerzen im Schlafzimmer schon vor dem Abendbrot aufgestellt Lametta war nicht dabei, nur Kerzen. Und dann kam der große Augenblick: Papa zündete die Kerzen an. Wir Kinder freuten uns, denn heute hatte unser Führer Adolf Hitler Geburtstag. Der würde sich wohl auch ganz doll freuen, dass in ganz Deutschland Kerzen für ihn brannten.

Damals konnte ich gar nicht verstehen, dass Papa die ganze Sache mit den Kerzen für den Führer nicht sonderlich gut fand. Heute weiß ich, dass sein Nein durchaus gute Gründe hatte. Am folgenden Karfreitag gingen Mama und Papa in die Kirche zum Gottesdienst mit Pfarrer Knobloch, weil sie beide im Kirchenchor mitsangen. Und am Ostersonntag saßen Renate und ich im Kindergottesdienst. Zum Schluss bekamen wir Kinder vom Herrn Pfarrer immer so schöne bunte Bildchen. Aber das mit den Kerzen für den Führer war für uns auch ganz schön.

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20. Mai 1944

Schlagsahne zum Geburtstag

Ganz früh wurde ich geweckt. Heute hatte ich meinen 9. Geburtstag. Ich war gespannt, was ich wohl geschenkt bekommen würde. Mama und Papa standen vor meinem Bett. Papa flüsterte: "Lothar, wir haben ein schönes Geschenk für Dich. Komm schnell ins Esszimmer! Rena darf nichts merken." Ich fand das ziemlich komisch. Meine Schwester sollte doch sehen, wie ich meine Geschenke auspackte.

Aber gut! Im Schlafanzug ins Esszimmer und da: Keine Geschenke! Das war vielleicht eine Bescherung. "Setzt euch bitte an den Tisch. Es geht gleich los," sprach Mama. Papa und ich hatten Platz genommen, auf dem Tisch standen drei Puddingteller mit kleinen Löffeln. Und dann kam Mama aus der Küche mit einem Topf, aus dem sie für uns alle mit einem Löffel Schlagsahne in die Teller füllte. Das war ganz toll, und es schmeckte uns allen sehr gut Es blieb nichts übrig -für meine kleine Schwester Renate.

Das gab ich flüsternd zu bedenken. Darauf erklärte mir Papa, ich sei ja nun schon ein großer Junge und könnte schweigen, wenn es nötig wäre. Und nötig wäre das, - na ja, Papa müsste die Milch von unseren Kühen bei der Meierei abliefern, ohne Fett für Schlagsahne "abzuzweigen". Deshalb dürfte unsere kleine Plaudertasche keine Schlagsahne bekommen. "Das stimmt, Papa, die Rena erzählt das bestimmt gleich den Müller-Jungs," war meine fachmännische Bestätigung. Bis heute hat das nie ein Mensch erfahren - außer Ihnen -jetzt.

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1. August 1944

Eis am Strand

In Rauschen auf der Promenade hatten wir Kinder nicht das Gefühl, dass es Krieg war. Wir konnten am Strand herrlich spielen. Meine Schwester und ich waren mit unseren kleinen Schaufeln dabei, Löcher zu buddeln.

Und ab und zu gab es auch ein Eis für uns Kinder. Aber es war leider "Kriegs"-Eis, gesüßtes und mit Aroma versehenes Wassereis. Ich weiß noch gut, wie mein Vater mich einmal fragte:

"Na, Lothar, wie hat denn das Eis geschmeckt?" Meine Antwort "Gut, Papa, aber ich hab's trotzdem weggeschmissen."

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15. September 1944

Warum musste Papa in den Krieg?

Meine Mutter erzählte mir dazu Folgendes:

Zum Papa kam ein Großbauer aus der Umgebung von Kumehnen mit dem Wunsch, er möge doch als Sattler- und Polstermeister für ihn, seinen alten Kunden, seine Couch und die dazu gehörenden Sessel mit neuem Stoff beziehen. Papa lehnte das ab mit dem Hinweis, dass er vom Kriegsdienst freigestellt wurde, weil er in seinem kleinen Handwerksbetrieb mit bis zu acht Arbeitskräften für die Wehrmacht im Akkord Sachen aus Leder für Pferde, Gürtel für die Soldaten, Halterungen für Feldflaschen und anderes mehr herzustellen habe. Vaters Antwort an den Kunden lautete: „Wissen Sie, das würde ich gerne tun. Aber erst nach dem Krieg!"

Der Erfolg stellte sich umgehend ein. Papa wurde am nächsten Tage zum Schaufeln des Ostwalls bei Memel „eingezogen", er wurde Volkssturmmann."

Da Vater kein Nazi war, passte es dieses Mal wohl, einen Andersdenkenden an die politische Kandarre zu nehmen.

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15. Dezember 1944

Mein Weihnachtsbrief an Papa

Kumehnen, den 15. Dezember

Lieber guter Papa.

Ich will jetzt einmal an Dich schreiben.
Von Herrn Kullick [Das war mein Lehrer im 3. Schuljahr in der Volksschule Kumehnen.]
habe ich einen Brief erhalten und er hat geschrieben,
daß er in einer armen Gegend Deutschlands wohnt.
Die Menschen sind dort abgemagert und seine Frau weiß manchesmal nicht,
was sie kochen soll.
Er wohnt im Sächsischen Erzgebirge und es gibt dort mehr Industrie als Landwirtschaft.
Herr Kullick läßt auch schön grüßen.
Fräulein Kriechauff [Eine nach Kumehnen versetzte Junglehrerin]
unterrichtet das vierte bis achte Schuljahr.
Da Herr Trapp jetzt weg ist, soll vielleicht ein neuer Lehrer oder Lehrerin kommen.
Herr Eggert [Unser„westlicher"Nachbar] baut heute die Küche für Frau Klingenberg.
Mama hat große Wäsche. Ich schlafe oft in Deinem Bett mit der guten Mama zusammen.
Opa macht nicht das, was Du gesagt hast.
Gestern in der Nacht hat es gefroren und er hat die Wruken und Rüben
nicht mit Stroh bedeckt und sie sind erfroren.
Häcksel hat Opa auch noch nicht bei Herrn Pucks schneiden lassen.
Er heizt die Werkstube immer zum Spaß und Mama schimpft, aber er gehorcht nicht.
Fräulein Kätchen läßt auch herzlichst grüßen nebst Oma.

Nun sei gegrüßt von Lothar

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24. Dezember 1944  (Heiligabend)

Die Kumehner Weihnachtsfrau

Letzte Weihnachten in der Kinderstube

Wir Kinder konnten draußen auf dem Rodelberg hinter unserer Scheune prima Schlitten fahren. Oder die Mama zog uns auf dem Schlitten über die Dorfstraße an unserem Hofzaun vorbei. Purzel musste natürlich vorne sitzen..Familie_Dufke_02
Weihnachten 1944 lag draußen tiefer Schnee. Und wir warteten auf den Weihnachtsmann. Aber das dauerte, obwohl es schon früh dunkel geworden war. Beim Kaffeetrinken saßen wir alle zusammen: Mama, Fräulein Kätchen, Opa, Renate und ich. Wir Kinder durften nicht ins Wohnzimmer. Denn dort wurde von Mama - wie jedes Jahr - der Weihnachtsbaum geschmückt. Dann endlich klang das Glöckchen. Rena und ich gingen erwartungsvoll in das bis dahin „verbotene" Zimmer. Die Kerzen strahlten wie immer, und wir nahmen alle unsere Plätze ein.

Mir fiel auf: Da fehlten ja drei liebe Menschen, der Opa Dufke, mein Vater und unser russisches "Fräulein Kätchen". Opa gab vor, er müsse sich um die Tiere im Stall kümmern. Die müssten zu Weihnachten besonders gut betreut werden. Papa war bei den Soldaten. Das wusste ich ja. Ich war auch ganz stolz, dass ich ihm einen langen Brief zum Weihnachtsfest geschrieben hatte.

Aber wo war das Fräulein Kätchen? Das war mir äußerst verdächtig. Mama wusste auch nichts davon, sagte sie jedenfalls. Wir drei "Hinterbliebenen" haben die schönen alten Weihnachtslieder gesungen. Plötzlich aber klopfte es draußen ans Fenster. „Sind das schon die Russen, Mama? Oder?" „Habt keine Angst Das wird wohl der Weihnachtsmann sein." Sprach's und holte den Weihnachtsmann in die Stube. Ganz ruhig wurde es im Raum. Der Weihnachtsmann war schwer vermummt Er hatte noch Schnee an den Schuhen. Aber was war das? Die Schuhe gehörten doch Fräulein Kätchen. Wie kam der Weihnachtsmann zu ihren Schuhen? Mit tiefer Stimme fragte der Weihnachtsmann Renate und mich, ob wir denn auch ein Weihnachtsgedicht aufsagen könnten. Aber das war doch Ehrensache. Ich weiß noch genau, dass ich „Markt und Straßen steh'n verlassen" aufsagte. Dann war Renate dran.

Und ich konnte mir nochmals genauer den Weihnachtsmann angucken. Die Schuhe gehörten Fräulein Kätchen und unter der roten Mütze lugte auch ihr Kopftuch hervor. Als wir die Geschenke vom Weihnachtsmann erhielten, war ich - fast - sicher, dass der Weihnachtsmann eine Weihnachtsfrau war. Aber als großer Bruder wollte ich meiner Schwester Renate nicht die Illusion nehmen. Schön waren die Geschenke. Ich erhielt bunt bedruckte Pappsoldaten mit Holzfüßen (die hatte ich schon vor zwei Wochen im Nebenraum beim Schlafzimmer entdeckt), einen bunten Teller und eine wunderschöne Brieftasche für große Briefbögen. Die hatte Papa selbst aus weißem Schweinsleder mit feinen Nähten gemacht. Leider haben die dann - zusammen mit den Pappsoldaten - die Russen bekommen.

Nach der Bescherung wurden noch zwei Weihnachtslieder gesungen. Die Kerzen am Weihnachtsbaum erleuchteten immer noch anheimelnd die Stube. Dann klopfte es an die Tür, und Fräulein Kätchen bat uns zum Abendessen. Nun war es klar: Das war die Kumehner Weihnachtsfrau, ja eigentlich das Kumehner Weihnachtsfräulein. Sie war genauso gut wie die Männer in den Jahren davor.

Leider war das auch unser letztes Weihnachtsfest in der Heimat.

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