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Flucht aus der Heimat

27. Januar 1945

Der erste Tote in meinem Leben

Draußen war es hell geworden. Die Sonne war nicht zu sehen, aber es schneite nicht. Gott sei Dank, wir konnten heute wieder hinter unserer Scheune rodeln, auf dem „Rodelberg" vor dem Kirchhof. Der war ja nicht sehr hoch, aber mit Anlauf kamen wir über die Straße bis fast zu Eggert's Gartenzaun. Prima würde das werden.

Erst einmal musste ich aber mit Renate und Mama frühstücken. Opa hatte schon gegessen und war draußen im Stall. „Wollt ihr heute wieder rodeln?" wollte Mama wissen. „Klar, aber Renate die gehorcht nicht immer," musste ich Mama um Hilfe bitten, damit meine Schwester meine „Anweisungen" auf dem Rodelberg befolgte. Mit ihr hatte ich öfter meine Schwierigkeiten. Die anderen Kinder waren da einfacher als Renate zu „behandeln". Mama ermahnte Renate, ihrem „großen" Bruder nicht immer solche Schwierigkeiten zu machen. Aber ich erhielt auch den Hinweis mit auf den Weg, Renate nicht zu „reizen". „Zieht euch warm an, draußen ist es bitterkalt," ermahnte uns Mama, „und vor allen Dingen: Geht nicht an den Munitionsstapel heran, den Soldaten an unsere Scheune gelegt haben. Das ist sehr gefährlich!“

Nach dem Essen zogen wir uns an. Wichtig waren vor allem die warme Mütze, damit die Ohren nicht „anfroren", und die Handschuhe, die mit einer gestrickten Schnur verbunden waren, die um den Hals gelegt wurde. Ab nach draußen und den Schlitten geschnappt!

Mein Nachbar Siegfried G., ein Klassenkamerad im 3. Schuljahr, war schon am Rodelberg. Ganz aufgeregt kam er angelaufen, und es sprudelte aus ihm heraus: „Lothar, komm mit! Das musst du sehen! Da liegen haufenweise Tote auf der Hauptstraße." Das musste ich natürlich sehen. Das kam nicht alle Tage vor. Wir ließen unsere Schlitten stehen und liefen in Richtung Hauptstraße.

Dort lag vor der Post ein langgestrecktes dunkles Lumpenbündel im weißen kalten Schnee. Es regte sich nicht. Siegfried ging um das Bündel herum und sagte: „Das ist ne Frau. Komm mal herum. Hier, guck, hier: Da ist das Einschussloch, Genickschuss! Da bist Du sofort tot" Ich war so erschrocken, weil mir auf einmal klar wurde: „Das ist ja eine Leiche, eine tote Frau." Ich hatte noch nie einen Toten gesehen.

Obwohl Siegfried drängelte, weiter auf der Hauptstraße zur Meierei zu laufen, weil noch viel mehr Tote dort lägen, war für mich der Morgen des Tages „gelaufen". Wie ein Blitz lief ich nach Hause, nicht zum Rodelberg, nein, in die Küche zur Mama, um die schreckliche Nachricht zu überbringen. Sie wollte es gar nicht glauben und beruhigte mich. Ich sollte wieder zum Rodeln nach draußen gehen. Das tat ich dann auch.

Aber die Frage bewegte mich noch lange, wie die tote Frau vor unsere Post gekommen war und warum kein Mensch sie weggebracht hatte.

Erst mit etwa 50 Lebensjahren habe ich erfahren, wie die Leiche vor der Kumehner Post und all die anderen toten Frauen auf der Straße von Königsberg bis Palmnicken dort hingekommen waren. In der Zeitung „DIE ZEIT” wurde der Todesmarsch das erste Mal am 2.11.2000 veröffentlicht.

 

28. und 29. Januar 1945

Wo geht es denn nach Pillau?

Wir Kinder mussten alle nicht zur Schule gehen, weil kein Unterricht mehr stattfand. Also konnten wir nach Herzenslust spielen und rodeln. Und wir konnten auch vorübergehenden Menschen eine Auskunft geben. Viele fragten uns: "Wo geht es denn nach Pillau?" Das waren Soldaten. Ihre Uniformen waren oft schmutzig und recht unordentlich. Sie kamen aus dem Osten, also von der Front, die da irgendwo bei Königsberg sein musste. "Eigentlich müssen die Soldaten wieder zurück zur Front. Das sind doch Deserteure," meinte Mama. Für mich waren das bemitleidenswerte Menschen.

Hoffentlich kam auch mein Vater bald zu uns. Denn in den letzten Tagen waren viele Soldaten in unserem Haus. Die mussten wir alle in unserem Haus unterbringen. Mama fand das gar nicht lustig, denn sie musste für die vielen Menschen kochen.

Draußen lag tiefer Schnee, und es war bitterkalt. Wenn wir am Abend nach draußen gingen, stand der Mond hell am Himmel. Über der Kumehner Schule jedoch - im Südosten unseres Dorfes - war der Himmel flackernd rot. "Königsberg brennt," sagte Mama.

Alle Fenster mussten abends immer verdunkelt werden. Dann tranken die fremden Männer viel zu viel Schnaps, und es war sehr laut, so dass wir Kinder kaum schlafen konnten.

Am Morgen des 30. Januar 1945 waren wir wieder allein. Alle Soldaten waren weg. Es war gespenstisch ruhig. Nur die Müller-Jungs, Rena und ich rodelten im Schnee am Rodelberg hinter unserer Scheune. Aber wo waren die anderen Kinder? Die waren einfach weg. Ob die auch nach Pillau gegangen oder gefahren waren?

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Dienstag, 30. Januar 1945

Flucht von Haus und Hof in Kumehnen

Am Abend des 30. Januar 1945 stehen die Russen vor unserem Dorf.

Heute ist Dienstag, der 30. Januar 1945.

Gestern war Mama schon beim Ortsgruppenleiter und hat gefragt, wann wir unser Dorf Kumehnen verlassen sollen. "Wo sollen Sie denn hin?" war seine Gegenfrage, und dann die klare Aussage: "Das ist doch klar! Wir bleiben alle hier." Der gute Mann hat der Mama noch erzählt, dass die Wunderwaffen eingesetzt würden. Und dann würde der Russe wieder in sein Land zurückgetrieben werden.

Heute nun war Mama in der Frühe wieder bei dem Ortsgruppenleiter zu Hause um zu fragen, was die Kumehner machen sollten. Aber, der war gar nicht mehr da. Er hatte uns, die Frauen, uns Kinder und die alten Männer im Dorf einfach ihrem Schicksal überlassen. Er wollte wohl seine eigene Haut retten.

Den Papa konnte die Mama nicht fragen, was nun zu tun sei. Der Opa wollte von Flucht nichts wissen. Für ihn waren die Kühe, Pferde und alle anderen Tiere in unserem Viehstall wichtiger. Die mussten doch gefüttert werden. Und besonders böse war er, dass Frau Frieda Müller mit ihren drei Kindern Günter (12), Manfred (9) und Berthold (3) mit uns zusammen flüchten wollte. Wer sollte dann die Kühe melken? Das hatte in den letzten Jahren Frau Müller getan, die in einer kleinen Wohnung auf der Nordseite unseres Stall- und Scheunengebäudes wohnte. Für den Opa war die Welt vollkommen in Ordnung. Er verstand nicht die Aufgeregtheit seiner Mitmenschen. Seine Gedanken brachte er ganz klar zum Ausdruck: "Die Russen sind auch Menschen. Die werden uns schon nichts Böses tun." Aber er half den Frauen beim Beladen des großen Treckwagens und suchte auch die besten Pferde dafür aus.

Wir Kinder haben den ganzen Tag über hinter der Scheune gerodelt. Wir durften nicht weit weg vom Haus sein. Neben der Scheune hatten Soldaten einen großen Haufen mit Munition aufgestapelt Das störte uns nicht Aber wenn wir die russischen "Nähmaschinen" (Flugzeuge) von Osten kommen hörten, flitzten wir schnell ins Haus. Ich habe Mama ängstlich gefragt: "Ob die Flieger nicht auch auf die Munition an der Scheune ballern?" Die Russen haben keine Bomben geworfen, die haben nicht einmal von oben geschossen.

So verging der Tag. Ich ahnte wohl, dass etwas Schlimmes für uns alle kommen könne. Mama hat mir später von zwei Ereignissen dieses Tages erzählt Der Führer hat am Abend aus Berlin im Radio gesprochen und vom "Endsieg" gefaselt. Und: "Die Russen haben das große Schiff "Wilhelm Gustloff“ mit vielen Tausenden von Flüchtlingen und Verwundeten versenkt"

Es wurde dunkel, der Mond strahlte hell vom Himmel und im Osten flackerte - wie seit Tagen schon - ein rötlicher Schein: Königsberg brannte. Aber was war das? Dumpfer Donner war aus dem flackernden Feuerschein zu hören. Wie ein Schrei erfasste es alle: "Die Russen kommen." Immer mehr Soldaten tauchten auf. Für uns Zurückgebliebene hieß es: Die Kinder auf den bereit stehenden Treckwagen. Opa hatte schon die Pferde angespannt. Und er wollte mit. Das hat besonders die Mama gefreut. Denn er konnte das Pferdegespann besser führen als Frau Müller oder Mama.

Es muss wohl schon nach acht Uhr am Abend gewesen sein, als wir mit unserem Pferdewagen, dick eingemummelt und voller Angst, unser Haus, unser Dorf, unsere Heimat verlassen mussten. Die Granaten der russischen Armee schlugen schon am Ortsrand Kumehnens ein. Es war gespenstisch, ja fast teuflisch. Ich spürte damals als Junge im Alter von bald 10 Jahren, was Ratlosigkeit und Verlassenheit bedeutete.

Mama und Frau Müller - aber wohl besonders der Opa - wollten nicht nach Pillau. Wir fuhren durch die mondhelle Nacht in Richtung Nordwesten zum Onkel Kurt Wittke nach Bieskobnicken bei Palmnicken. Die Schneedecke war wohl mehr als einen halben Meter dick. Die Pferde hatten es nicht leicht. Und dann kamen Soldaten auf Motorrädern angefahren und gaben den Befehl: "Alle Treckwagen an den Straßenrand! Es kommt eine Wehrmachtskolonne zur Front. Da muss die Straße frei sein." Da standen wir nun mitten in der Nacht. Überall lag Schnee. Eshatten sich noch einige Treckwagen hinzugesellt. Und es war bitterkalt. Wir Kinder haben wohl auch nicht richtig geschlafen. Denn das Ganze war natürlich auch ein aufregendes Erlebnis.

Die Erwachsenen schimpften, weil keine Wehrmachtskolonne kam. Alle hatten Furcht, weil der Russe uns überrollen konnte. Schließlich kam ein einzelner Lastwagen mühsam angerollt und zog an uns vorbei Richtung Front. Inzwischen muss es schon weit nach Mitternacht gewesen sein, und ich bin wohl doch eingeschlafen.

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Mittwoch, 31. Januar 1945

Mit Steinhäger geht alles besser

Es war inzwischen am nächsten Tag schon weit nach Mittag. Bevor es dunkel wurde, waren die Mama mit Renate, Frau Müller mit Günter und Berthold und der Opa losgegangen, um ein Quartier für die Nacht ausfindig zu machen und Futter für die Pferde zu besorgen.

Manfred Müller und ich blieben mit den treuen Pferdchen vor unserem Fluchtwagen zurück. Wir waren ja schon groß, und die Pferde waren müde. Die würden gewiss nicht weglaufen. Also standen wir beiden Steppkes mit jeweils knapp 9 und 10 Jahren neben unserem Wagen - mutterseelenallein auf einer weiten weißen Fläche. Um uns herum nichts als Milliarden glitzernde Schneekristalle und eine herrlich leuchtende Nachmittagssonne, die noch im Westen am Himmel stand und die Landschaft mit dem großen Wald vor Heiligenkreuz in ein friedliches Licht tauchte.

Uns Jungens war es kalt. Wir standen neben dem Wagen und vertraten uns die Füße, damit sie wenigstens ein wenig wärmer wurden. Wir durften nicht zuviel herumlaufen und toben, sonst könnten die Pferde scheuen. Und was tun Kinder, wenn die Erwachsenen weg sind? Sie untersuchen ihre Umwelt, wir also unseren Treckwagen.

Auf den Wagen wollten wir nicht hinauf, aber an den Leitersprossen hatten Mama und Frau Müller so manche Dinge festgebunden. Unser besonderes Interesse fand eine bräunliche Flasche, die an einem Henkel hing. Sie war für uns Kleine gut erreichbar. Vor allen Dingen: Ich konnte sie öffnen. Ein komischer Duft entstieg der Flasche. Manfred riet von weiteren Aktionen bezüglich des Flascheninhaltes ab. "Lass uns 'mal probieren, wie das schmeckt," versuchte ich Manfred für meine Pläne zu gewinnen. Ich nahm einen Schluck, schüttelte mich, aber ich fand das Getränk doch ganz verträglich. Manfred wollte nicht nachstehen und probierte ebenfalls. "Schnell zumachen," warnte Manfred.

Es dauerte nicht lange, und uns beiden wurde richtig warm. Toll, das war ja richtige gute Medizin für so kalte Wintertage. Wir kannten noch nicht den Spruch "Auf einem Bein kann man nicht stehen". Aber wir handelten danach. Flasche auf, jeder noch einen Schluck. Ob noch ein dritter folgte, weiß ich nicht mehr. Zuerst war uns warm geworden. Dann wurden wir lustig, heiter, gelöst

Mit einem Mal tauchte ein russisches Flugzeug, eine tackernde "Nähmaschine", über uns auf. Wir winkten fröhlich und gestikulierend nach oben. Nichts geschah. Der Russe drehte ab. Bald kamen die Quartiersucher zurück und wunderten sich über ihre lustigen Kinder Manfred und Lothar, ohne eine Erklärung dafür zu finden. Wir hatten keine Veranlassung, unsere "Flaschenleerung" aus medizinischen Gründen aufzudecken.

Wir fuhren dann nicht mehr weit zu einem verlassenen Gutshaus am Waldesrand. Es muss wohl Grünwalde gewesen sein. Die Pferdchen bekamen Futter und Wasser und kamen in den Stall. Wir übernachteten in der Veranda des Hauses. Die war zwar nicht geheizt, aber es war dort nicht so kalt wie draußen. Wir schliefen auf dem Fußboden, auf dem Stroh ausgebreitet lag. Es gab keinen elektrischen Strom. Aber plötzlich gab es einen riesigen Krach. Wir Kinder liefen zu unseren Müttern. Was war das? Waren die Russen schon vor der Tür? Dann war es wieder gespenstisch ruhig. Wir haben am nächsten Tag erfahren, dass dies der einzige Schuss gewesen sein könnte, den die deutsche schwere Artillerie noch hatte. Es wurde auch vermutet, dass das Geschoss von einem der deutschen Schlachtschiffe abgefeuert wurde, die vor der samländischen Steilküste einen schmalen Landstreifen vor russischer Besetzung freihalten konnten. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Die Nacht ging ohne weitere Störungen vorüber.

Nach dem Ende des Krieges habe ich in Schleswig-Holstein eine solche Flasche wieder gesehen. Es war eine Steinhäger-Flasche. Noch heute erinnere ich mich beim Genuss eines Steinhägers an diese Szene am zweiten Tage unserer Flucht aus meinem Heimatort.

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Mittwoch, 7. Februar 1945

Rena hat Geburtstag, und Papa ist wieder da.

Nun waren wir sieben "Flüchtlinge aus Kumehnen" schon eine Woche bei der Tante und dem Onkel Wittke in Bieskobnicken. Unser Opa kümmerte sich um unsere Pferde und half dem Onkel im Stall. Jeden Tag war er unterwegs rund um Bieskobnicken. Er hatte schon russische Panzer gesehen. Am liebsten wäre er nach Kumehnen zurückgegangen, um das zurückgebliebene Vieh auf unserem Hof zu versorgen. "Die Kühe müssen gemolken werden," jammerte der Opa. Doch von uns wollte erst einmal keiner zu den Russen nach Kumehnen.

Heute war Renas großer Tag da: Sie wurde acht Jahre alt. Wir haben ihr alle am Vormittag gratuliert. Was sie geschenkt bekommen hat, weiß ich nicht mehr. Dennoch gab es ein tolles Geschenk für uns alle: Um die Mittagszeit kam ein Soldatenauto auf den Hof gefahren. Unser Papa in Soldatenuniform stieg aus. Wir stürmten alle nach draußen. Das war eine Riesenfreude. Da es auf dem Hof sehr kalt war, gingen wir alle in die warme Wohnstube. Rena stand natürlich zuerst einmal im Mittelpunkt als Geburtstagskind. Wir Kinder saßen gleich auf Papas Schoß.

Schon nach kurzer Zeit stellte Papa folgende Frage: "Warum seid Ihr noch hier und nicht nach Pillau gefahren?" Mamas Antwort: "Ich fahre nicht mit dem Schiff über die Ostsee. Das große Schiff "Wilhelm Gustloff“ ist mit so vielen Menschen untergegangen. Das wollen wir nicht erleben."

"Wenn ihr gesehen hättet, was wir Schreckliches erlebt haben, würdet Ihr schon lange weg sein. Die Russen sind südlich von Bieskobnicken bei Germau bis zur Samlandküste durchgebrochen. Wir konnten die sowjetischen Truppen wieder bis Kumehnen zurücktreiben. Als wir dann nach Germau kamen, sahen wir das Verbrechen der Russen: Im Dorf haben sie alle Menschen - meistens Frauen, Kinder und alte Männer - in der Kirche zusammengetrieben und dann mit Maschinengewehren erschossen. Ja, wir haben noch betrunkene russische Soldaten gefunden, die junge Frauen auf einem Misthaufen vergewaltigt haben - bei dieser schlimmen Kälte. Die Russen haben wir alle erschossen. Ihr fahrt sofort nach Pillau. Denn wenn die Russen Euch erwischen, bedeutet das wohl den sicheren Tod. Ihr müsst "heim ins Reich". Mit dem Schiff über die Ostsee ist die einzige Fluchtmöglichkeit," sprach Papa und war dabei sehr ernst.

Wir Kinder verstanden viele Aussagen nicht richtig, aber wir hatten Angst vor den Russen. Deshalb bedrängten wir die Mutter loszufahren. Frau Müller war auch dafür. Und so wurde der traurige Abschied beschlossen - auf Renas 8. Geburtstag.

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8. Februar 1945

Mit dem Schiff vom Hafen Pillau
nach Danzig-Neufahrwasser

Ich kann mich nur schemenhaft an den Abschied von Onkel und Tante in Bieskobnicken erinnern. Auch mein Opa Rudolf Dufke blieb dort. Er wollte mit unserem Treckwagen wieder zurück nach Kumehnen. "Einer muss doch für die Tiere sorgen. Fahrt Ihr man los. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder," waren seine letzten Worte. Ich habe die drei Menschen unserer Verwandtschaft nie mehr gesehen. Wo sie begraben liegen, ist mir unbekannt. Frau Müller mit ihren Jungen haben wir erst nach 1946 in Harrislee bei Flensburg wiedergesehen. Sie waren mit einem Schiff bis Schleswig-Holstein gekommen.

Auf jeden Fall fuhren wir Mama, Renate und ich - auf Veranlassung und Drängen meines Vaters - am 8. Februar 1945 mit einem alten Bus nach Süden bis zum Pillauer Hafen. Der Bus kam mit Frauen und Kindern von der Kurischen Nehrung. Wir müssen wohl um die Mittagszeit in Pillau angekommen sein. Denn es war noch hell, als wir mit wenig Gepäck auf ein Schiff klettern mussten.

Das war ein wildes Geschiebe auf dem Schiff. Mama hielt uns beide an der Hand. Sie trug auch noch einen Koffer und Rena und ich kleine Taschen. Wir wurden zu einer Treppe gebracht, die sehr steil nach unten ins Schiffsinnere führte. Als wir unten ankamen, mussten wir nach links in einen kleinen Raum gehen. Gleich wieder links um die Ecke: Nach oben mit dem Gepäck und Rena und ich saßen mitten dazwischen in der oberen Etage eines Matrosenbettes. Mama stand unten neben dem Bett. Überall Frauen und Kinder in dem kleinen Raum! Jeder musste aufpassen, dass er nicht auf irgendeinen Menschen oder ein Gepäckstück trat oder darüber stolperte.

Gott sei Dank! hatte ich gesehen, dass zwischen der Treppe und unserer Kabine eine kleine Toilette war. Für alle Fälle! Doch dann ruckte es durch das ganze Schiff. Die Maschinen sprangen an, und das Schiff legte ab. Wir haben nichts von der Ausfahrt aus dem Pillauer Hafen mitbekommen. Und genau genommen freuten sich alle Menschen mit uns: Wir waren den Russen im Samland entkommen. Die konnten uns nicht mehr erreichen, denn wir befanden uns ja auf See und nicht mehr an Land.

Wir hatten unser Heimatland verlassen. Das wurde uns eigentlich gar nicht bewusst. Aber es war so. Papa, Uroma Miller, Oma und Opa in Regehnen, der Opa in Kumehnen, Onkel und Tante in Bieskobnicken, unser Hof an der Kumehner Kirche, unser Haus in Rauschen, meine Angorakaninchen in Kumehnen: Alles war weg. Und wir fuhren mit einem Schiff zu einem unbekannten Ziel.

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